15. September 2019

Suchende für Suchende sein, und Fragende für Fragende

Individualisierung, Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, Migration, ein neues atomares Wettrüsten, eine Welle von Nationalismus und Populismus konfrontieren uns Christ*innen mit großen Herausforderungen. Wir leben in einer radikal pluralistischen Zeit. Angesichts all dessen: Wie haben wir uns als FORUM St. Peter -als ein Teil von Kirche- aufzustellen und Präsenz zu zeigen in einer Stadt, die auch in religiöser Hinsicht immer differenzierter wahrzunehmen ist? 43 Prozent der Bevölkerung Oldenburgs bezeichnet sich als konfessions- und religionslos. Ich habe einige wesentliche Grundhaltungen anzunehmen gelernt, die für mich zu Wegzeichen geworden sind.

 

1.

Ich besitze nicht die Wahrheit allein; ich brauche auch die Wahrheit der anderen (vgl. Pierre Claverie OP). Ich brauche Dialog, um die Erfahrungen anderer zu verstehen, um mich zu hinterfragen und mich korrigieren zu können. „Eine Wahrheit, die aufhört, ein Weg zu sein, und sich vom Leben entfernt, ist keine wirkliche Wahrheit“ (Tomás Halík). Wenn ich nur eine Botschaft verkünde und dabei die Lebensprobleme der Menschen außer Acht lasse, werde ich unglaubwürdig. „Wer nicht den Mut hat, für die Menschen zu sprechen, hat auch nicht das Recht, von Gott zu reden“ (Luis Espinal SJ).

 

2.

In unübersichtlichen Zeiten werden oft tragende und unverrückbare Sicherheiten gesucht. Wir können solche nicht anbieten. Der Glaube ist nicht etwas, was ich unerschütterlich in der Hand halte; er kann ggfl. zur Gewissheit werden, wenn ich meine Fragen an das Leben liebgewonnen habe und erfahren habe, dass ein Vertrauen mich trotzdem trägt. Es braucht also den Mut, der Sehnsucht nach einfachen Antworten auf die Paradoxien und Absurditäten des Lebens zu widerstehen. Der Glaube ist vorzuschlagen als ein Weg des Suchens und Fragens, nicht als Ideologie und in der Form von Indoktrination und Dogmatismus. Das FORUM ist dabei ein sog. Vorhof des Glaubens.

 

3.

Ein wohlwollender Blick auf die Stadt ist wesentlich. Aufgegeben ist, die Kultur unserer Zeit zu verstehen, uns zu inkulturieren. Die Stadt ist nicht ein Ort der Gottesferne und des Unglaubens, sondern ein Ort vielerlei religiöser Suche und ein Ort der Begegnung unter den Menschen und mit dem Gott des Lebens. Wir haben kein Monopol für die Antworten auf die Fragen des Lebens. Es braucht ein „Ganz-Ohr-Sein“ für das, was Menschen umtreibt, wodurch Menschen bewegt werden. Seelsorge ist Begleitungsarbeit von Suchenden und Fragenden für Suchende und Fragende. Viele, die ihr Vertrauen in die Kirchen verloren haben, zählen sich zu den Suchenden. Es kann nicht darum gehen, sie wieder in die vorhandenen Strukturen der Kirche zu zwängen. Der Raum der Kirche ist für sie und ihre Lebenserfahrungen zu öffnen und zu erweitern. Neue Bindung kann nicht eingefordert werden; sie entsteht von selbst auf einem Weg.

 

4.

Es braucht Sensibilität und Offenheit für die Zeichen der Zeit. Nichts von der Welt darf uns gleichgültig sein. Gefragt sind: Solidarität mit den Ausgegrenzten der Stadt und den Flüchtlingen und Armen in der Nähe und Ferne; Sorge für das gemeinsame Haus, unsere Erde; Kampf gegen den Klimawandel; Mitarbeit an Veränderung von Strukturen der Ungerechtigkeit und Räuberei; Gewaltanschauung und Friedensarbeit; klares Nein gegen jede Art von Populismus und Nationalismus; Offenheit für einen Dialog mit anderen Weltanschauungen und Religionen; Verständnis für Menschen in schwierigen Lebenssituationen; Bildung des persönlichen Gewissens bei schwierigen Lebensentscheidungen uvam.

 

5.

Präsentsein in der Stadt – das ist „Dasein für die Menschen – Gott zur Sprache bringen“ (Motto unseres Grundsteins aus 2013). Wie das tun? Charles de Foucauld hat das wie folgt auf den Punkt gebracht: „Durch Güte, Zärtlichkeit, Bruderliebe; bei einigen, ohne ihnen jemals ein Wort über Gott oder die Religion zu sagen, indem man sich geduldet, wie Gott sich geduldet; indem man gut ist, wie Gott gut ist; bei anderen, indem man soweit von Gott spricht, wie sie es aufnehmen können. Vor allem: in jedem Menschen einen Bruder sehen, eine Schwester sehen, in jedem Menschen ein Kind Gottes sehen; einfach bei diesen Menschen sein, solidarisch unter ihnen leben, menschlich, barmherzig und immer fröhlich sein. Wenn man mich sieht, muss man sich sagen: ‚Weil dieser Mensch gut ist, muss auch seine Religion gut sein‘“ (Charles de Foucauld). Drei Aspekte sind hier auf den Punkt gebracht: Beziehung, Präsenz, Einfachheit; nebenbei gesagt: drei Grundhaltungen des „Kontemplativen Weges in Aktion“. – Mit Jesus einfach für andere da sein.

 

6.

„Ich will, dass du bist!“ Dieser Zuspruch prägt die Präsenzarbeit des FORUM St. Peter. Er erinnert unsere Grundüberzeugung: Gott hat einen jeden und eine jede ins Dasein gerufen, ohne irgendeine Vorleistung unsererseits – gratis, umsonst, unverdient!  Genau so darf jeder Mensch sich im FORUM willkommen fühlen und da sein, unabhängig von dem, was er hat oder kann oder mitbringt. Er ist eingeladen, neuen Mut zum Dasein zu entdecken. Was würde auch mehr zum Sein ermutigen als eine Liebeserklärung? Und um eine solche Liebeserklärung Gottes handelt es sich bei „Ich will, dass du bist“. Denn jemanden lieben – das ist doch: wollen, dass er, dass sie ist.
Dieser Zuspruch gilt jedem Menschen, völlig unabhängig davon, welcher Nation, welchem (Bildungs-)Stand, welcher Schicht, welcher Religion und Weltanschauung, welchem Geschlecht er sich zugehörig fühlt.

Wesentlich aufgegeben ist heute, als Christen aus einer ökumenisch weiten Grundhaltung heraus Orte für Dialog, Begegnung, Reflexion, Stille, d.i. für Aktion und Kontemplation zu bilden, in denen wir uns um tragende und ehrliche Antworten –in Wort und Tat- auf die „Zeichen der Zeit“ bemühen – und offen sind für alle „Menschen guten Willens“.

Klaus Hagedorn, 4.9.2019/11.9.2019

 

 

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