21.10.2018

Mit Blick auf die Heiligsprechung von Oscar Romero aus El Salvador am 14.10.2018 (III)

Oscar Romeros Rede vom „gekreuzigten Volk“

Die Situation von Armut und Repression, die in El Salvador ein unvorstellbares Ausmaß angenommen hatte, war eine weitere Wurzel für den Wandel der Sehweise bei Oscar Romero. Er traf eine klare Entscheidung für die Armen, die schutzlos waren. Er entschied für sich, seine Stimme den Stimmlosen zu geben. Ohne es zu wollen, wurde er zur meistgehörten Person in El Salvador. So löste er den programmatischen ersten Satz der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des II. Vatikanums (1962-1965) ein: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“

Sein Leitspruch als Bischof war: „Mitfühlen mit der Kirche“. Das bedeutete früher für ihn, in erster Linie auf Rom und den Papst zu hören. Jetzt entdeckte er neu den Ruf des Evangeliums – und zwar in der Welt der Armen. Die Texte der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellin wurden für ihn immer wichtiger. „Inkarnation in die Welt der Armen“ wurde für ihn ein wichtiges Stichwort. Das bedeutete: die Annäherung und das Aufgehen der Kirche in der Welt der Armen, also keinen Weg zu gehen an den Gesichtern der Entrechteten und Ermordeten vorbei, „die das Leidensantlitz Jesu Christi widerspiegeln“, wie 1979 die Lateinamerikanischen Bischöfe in Puebla formulierten.

Im Juni 1977, nach Wochen extremster Unterdrückung, sprach er den Bauern in Aguilares den Satz zu: „Ihr seid das Bild des durchbohrten Gottessohnes. Der durchbohrte Christus ist das Bild aller Völker, die durchbohrt und beleidigt werden – wie Ihr hier in Aguilares.“ In dieser Predigt finden wir zum ersten Mal einen theologischen Gedanken, der für ihn in der Folgezeit leitend werden sollte. Romero entdeckte „das gekreuzigte Volk als den gegenwärtig leidenden Gottesknecht in der Geschichte“. Er entdeckte das, was Dom Helder Camara, der Prophetenbischof aus Brasilien, als die „Eucharistie der Armen“ umschrieb: „Genauso wie Christus in der Gestalt der Brotes in der Kirche von Aguilares während der Besetzung durch das Militär zertreten wurde, wird er in der Gestalt der Bauern zertreten, verdächtigt, gefoltert, getötet, auf geheimen Friedhöfen verscharrt…“

Oscar Romero ist ein Märtyrer der Kirche der Unterdrückten. Durch sein Leben und seinen Tod hat er Jesus von Nazareth, den Christus, bezeugt als den geschundenen Menschen, den Freund aller Gejagten, Gekreuzigten, Verletzten, Hungernden – und eben darin als Gottes Knecht. Er hat den Gott der Bibel verkündet als einen, der großes Interesse an unserem Verhalten und Verhältnis zu diesen Anderen hat. Wie unser Verhältnis zu und unser Umgang mit ihnen ist, erst dies lässt erkennen, dass wir glauben und wie wir über den Gott des Lebens denken und was wir von ihm halten. Oscar Romero ist wiedererstanden im gekreuzigten Volk von El Salvador und weit darüber hinaus. Er hat uns einen Weg gewiesen, damit wir morgen Christ sein können.

Klaus Hagedorn, FORUM St. Peter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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